Zwei Uhren, beide mit dem Wort „Chronometer“ auf dem Zifferblatt. Die eine gewinnt am Handgelenk drei Sekunden am Tag, die andere acht. Ist die zweite fehlerhaft? Nicht zwingend. Die Antwort hängt davon ab, was genau geprüft wurde: das Werk oder die fertige Uhr, im Labor oder im Alltag. Wer die Prüfverfahren kennt, liest ein Zertifikat mit anderen Augen.
Was „Chronometer“ bedeutet
Der Begriff ist international genormt. Die Norm ISO 3159 definiert, was ein Armband-Chronometer mit Unruh-Spiralfeder-Schwingsystem ist, und legt Prüfprogramm sowie Mindestanforderungen fest. In der Schweiz prüft die COSC (Contrôle officiel suisse des chronomètres) nach dieser Norm. Die gemeinnützige Organisation wurde 1973 gegründet und betreibt Prüflabore in Biel, Le Locle und Saint-Imier. Für Quarzwerke wendet sie eigene, an die Norm angelehnte Anforderungen an.
Die COSC-Prüfung: 15 Tage, fünf Lagen, drei Temperaturen
Die Prüfung eines mechanischen Werks dauert 15 Tage, gemessen wird in 24-Stunden-Zyklen. Nach einer Ruhephase von zwölf Stunden bei 23 °C durchläuft jedes Werk an den Tagen zwei bis zehn fünf Lagen: drei senkrechte, benannt nach 6, 3 und 9 Uhr, sowie Zifferblatt oben und Zifferblatt unten. An den Tagen elf bis 13 liegt es jeweils 24 Stunden mit dem Zifferblatt nach oben bei 8, 23 und 38 °C. Die letzten beiden Tage zeigen, ob das Werk nach den Temperaturwechseln zu seinem Gang zurückfindet.
Bewertet wird nach sieben Kriterien. Das bekannteste ist der mittlere tägliche Gang über die ersten zehn Prüftage: Er muss zwischen −4 und +6 Sekunden pro Tag liegen. Daneben zählen unter anderem, wie stark der Gang von Tag zu Tag schwankt, wie groß die Unterschiede zwischen den Lagen und zwischen waagerechter und senkrechter Position ausfallen, wie sich die Temperatur auswirkt und ob der Gang am Ende wieder sein Ausgangsniveau erreicht.
Werk oder fertige Uhr: der entscheidende Unterschied
Das klassische COSC-Zertifikat bezieht sich nach Angaben der COSC in der Regel auf das Werk, nicht auf die fertige Uhr. Erst nach der Prüfung wird das Werk eingeschalt und zur fertigen Uhr komplettiert. Diese Schritte können den Gang beeinflussen, und am Handgelenk kommen Bewegung, Körperwärme und wechselnde Lagen hinzu.
Neuere Verfahren setzen deshalb bei der fertigen Uhr an. Die COSC selbst bietet mit „Excellence Chronometer“ eine zusätzliche Stufe: Die eingeschalte Uhr muss nach simuliertem Tragen in sechs halbdynamischen Lagen zwischen −2 und +4 Sekunden pro Tag liegen, einem Magnetfeld von 200 Gauß standhalten und am Ende der angegebenen Gangreserve noch korrekt laufen. Darüber hinaus prüfen manche Hersteller fertige Uhren nach eigenen, teils engeren Normen. Deren Kriterien sind nicht einheitlich. Maßgeblich ist, was genau geprüft wird, unter welchen Bedingungen und von wem.
METAS und Master Chronometer: Prüfung im Magnetfeld
Einen anderen Ansatz verfolgt das Eidgenössische Institut für Metrologie METAS. Seine Zertifizierung „Master Chronometer“ nach der Vorgabe METAS-N001 setzt voraus, dass die Uhr „Swiss Made“ ist und ihr Werk die Chronometerkriterien nach ISO 3159 bereits erfüllt hat. Danach durchlaufen Werk und fertige Uhr (im Zustand, in dem sie verkauft wird) zehn Prüfzyklen.
Im Zentrum steht der Magnettest: Werk und Uhr werden im laufenden Betrieb einem Feld von 1,5 Tesla ausgesetzt, das entspricht 15.000 Gauß. Sie dürfen dabei nicht stehen bleiben, und der Gang darf sich danach um höchstens fünf Sekunden pro Tag verändern. Der tägliche Gang der fertigen Uhr muss bei großen Werken zwischen 0 und +5 Sekunden liegen. Sie darf also nie nachgehen. Für kleinere Werke lässt die Vorgabe bis zu +6 beziehungsweise +7 Sekunden zu. Geprüft werden außerdem sechs Lagen bei 23 und 33 °C, der Gang bei vollem Aufzug und nach zwei Dritteln der Gangreserve, die angegebene Gangreserve selbst sowie die Wasserdichtheit nach ISO 22810 beziehungsweise ISO 6425 für Taucheruhren. Zusatzfunktionen wie ein Chronograph laufen in mehreren Zyklen eingeschaltet mit.
Eine Besonderheit liegt in der Organisation: Die Messungen führt das Prüflabor des Antragstellers durch. METAS auditiert dessen Qualitätssystem, wertet sämtliche Messergebnisse statistisch aus und nimmt Stichproben.
Die eigene Gangabweichung messen
Ein Zertifikat beschreibt das Verhalten unter Prüfbedingungen. Wie Ihre Uhr im Alltag läuft, bestimmen Sie mit wenig Aufwand selbst. Als Referenz dient die gesetzliche Zeit, die in Deutschland die Physikalisch-Technische Bundesanstalt (PTB) realisiert und verbreitet, etwa über den Zeitzeichensender DCF77. Eine Funkuhr oder ein automatisch synchronisiertes Smartphone genügt für diesen Zweck.
- Die Uhr vollständig aufziehen: Bei voll gespannter Zugfeder ist der Gang am stabilsten.
- Die Sekunde exakt auf die Referenzzeit setzen und den Startzeitpunkt notieren.
- Täglich zur gleichen Uhrzeit die Abweichung in Sekunden ablesen und aufschreiben.
- Nach sieben bis zehn Tagen die Gesamtabweichung durch die Zahl der Tage teilen. Das Ergebnis ist Ihr mittlerer täglicher Gang.
- Auch notieren, wie die Uhr nachts lag: Waagerecht und senkrecht abgelegt läuft sie oft unterschiedlich.
Einen einzelnen Tag zu messen, führt in die Irre, denn Temperatur, Tragezeit und Lage schwanken. Aussagekräftig ist erst der Mittelwert über eine Woche bis zehn Tage. Weicht er deutlich von den gewohnten Werten ab oder gewinnt die Uhr plötzlich stark, kann Magnetismus die Ursache sein; ein Uhrmacher prüft das ohne großen Aufwand.
Die Lage über Nacht ist ein feines Stellrad. Geht Ihre Uhr leicht vor, probieren Sie aus, ob sie in einer anderen Ablageposition etwas Zeit verliert, und umgekehrt. So lässt sich der Gang ohne Eingriff ins Werk ausgleichen.
Die Erkenntnis: Ein Chronometerzertifikat ist ein belastbarer Qualitätsnachweis, aber kein Versprechen für jeden Tag am Handgelenk. Entscheidend ist, ob das Werk oder die fertige Uhr geprüft wurde und wie Ihre Uhr über Wochen läuft. Im Gangwert-Rechner tragen Sie Ihre Messwerte ein und sehen, wo Ihre Uhr im Vergleich zu den Grenzen von COSC und METAS liegt.
Gangwert-RechnerMessen Sie Ihre Uhr und vergleichen Sie mit COSC und METAS.Häufige Fragen
Ist ein Chronometer genauer als eine Quarzuhr?
In der Regel nicht. Die Chronometergrenzen gelten pro Tag, typische Quarzwerke weichen dagegen nur um Sekunden pro Monat ab. Ein Chronometerzertifikat belegt, dass ein mechanisches Werk unter Prüfbedingungen besonders präzise gearbeitet hat.
Gilt das COSC-Zertifikat für die fertige Uhr?
Das klassische Chronometerzertifikat bezieht sich nach Angaben der COSC in der Regel auf das Werk. Die fertige Uhr prüfen etwa die COSC-Stufe „Excellence Chronometer“ und die METAS-Zertifizierung „Master Chronometer“.
Was bedeutet es, wenn beim Gebrauchtkauf das Zertifikat fehlt?
Dokumente der COSC sind nach eigenen Angaben optional, nicht jede Uhr wurde also damit ausgeliefert. Die COSC darf nur eine einzige, als Duplikat gekennzeichnete Zweitschrift ausstellen; Prüfergebnisse bewahrt sie zehn Jahre ab Prüfende auf. Ein fehlendes Papier sagt nichts über die Prüfung selbst, erschwert aber den Nachweis gegenüber späteren Käufern.
- COSC, Zertifizierungen: Chronometer Certified und Excellence Chronometer Certified
- COSC, Chronometer Certified: Prüfablauf nach ISO 3159
- COSC, Excellence Chronometer Certified
- COSC, FAQ
- ISO 3159:2009, Timekeeping instruments: Wrist-chronometers with spring balance oscillator
- METAS, Watch certification (MASTER CHRONOMETER)
- METAS-N001, Version 1.2: Requirements for certification of movements and mechanical watches resistant to magnetic fields of 1.5 T (15 000 G)
- PTB, Darstellung der gesetzlichen Zeit
- Grand Seiko, Bedienungsanleitung Kaliber 9S: Hinweise zur Ganggenauigkeit mechanischer Uhren
