Eines Morgens fällt es Ihnen auf: Die Uhr, die jahrelang zuverlässig lief, geht plötzlich eine halbe Minute vor. Oder sie steht nach einer Nacht auf dem Nachttisch still, obwohl sie früher bis in den nächsten Tag durchhielt. Eine mechanische Uhr meldet sich selten laut. Wer ihre leisen Signale lesen kann, lässt sie rechtzeitig warten und vermeidet, dass aus einer Pflege eine Reparatur wird.
Die Anzeichen: Wann Ihre Uhr in die Werkstatt gehört
In einem mechanischen Werk greifen Räder, Triebe und Lager ununterbrochen ineinander. Feine Öle verringern die Reibung, verlieren mit der Zeit aber ihre Wirkung. Diese Anzeichen sprechen für einen Termin beim Uhrmacher:
- Gangabweichung: Die Uhr weicht deutlich stärker ab als gewohnt oder schwankt von Tag zu Tag.
- Gangreserve: Die Uhr bleibt nach dem Ablegen früher stehen als bisher, obwohl sie voll aufgezogen war.
- Aufzug und Bedienung: Die Krone dreht rau oder kratzig, das Datum springt unsauber, Chronographenzeiger kehren nicht exakt auf null zurück.
- Feuchtigkeit: Beschlag unter dem Glas ist ein Notfall: Eingedrungenes Wasser kann Teile korrodieren lassen. Die Uhr gehört sofort in die Werkstatt.
- Stoß: Nach einem Sturz lohnt eine Kontrolle, auch wenn die Uhr weiterläuft.
Nicht jede plötzliche Abweichung bedeutet Verschleiß. Gewinnt eine Uhr von einem Tag auf den anderen stark an Zeit, kann auch Magnetismus die Ursache sein. Dazu unten mehr.
Intervalle: was Hersteller empfehlen
Ein für alle Uhren gültiges Intervall gibt es nicht. Die veröffentlichten Empfehlungen großer Hersteller reichen von einer Überprüfung etwa alle drei Jahre bis zu einer Komplettrevision alle fünf bis acht Jahre. Einzelne Hersteller raten zusätzlich, die Wasserdichtheit jährlich prüfen zu lassen. Wie viel Spielraum Sie haben, hängt von Tragegewohnheiten, Sport, Klima und Alter der Uhr ab. Maßgeblich ist die Angabe in den Unterlagen Ihres Modells.
Neben dem Kalender ist die Uhr selbst der beste Indikator. Wer den Gang regelmäßig misst und die Gangreserve kennt, bemerkt Veränderungen früh. Wer erst reagiert, wenn die Uhr stehen bleibt, riskiert, dass verbrauchte Öle bereits Lager und Räder verschlissen haben.
Was eine Revision umfasst
Eine Komplettrevision ist mehr als ein Ölwechsel. Ein Hersteller beschreibt den Ablauf in acht Schritten, die so oder ähnlich in vielen Werkstätten üblich sind:
- Band oder Armband abnehmen, Gehäuse öffnen, Werk ausbauen.
- Das Werk vollständig zerlegen und jedes Teil im Ultraschallbad reinigen.
- Verschlissene Teile durch Originalteile ersetzen.
- Das Werk wieder zusammensetzen und die Kontaktstellen ölen.
- Den Gang regulieren und die Funktionswerte des Werks prüfen.
- Gehäuse und Metallband reinigen und aufarbeiten.
- Das Gehäuse montieren und alle Dichtungen erneuern, die die Wasserdichtheit sichern.
- Abschließend Funktion und Optik kontrollieren.
Vorsicht beim Aufarbeiten: Polieren trägt Material ab und kann Kanten verändern. Ist Ihnen der Originalzustand wichtig, schließen Sie es ausdrücklich aus. Klären Sie vor der Abgabe außerdem:
- einen schriftlichen Kostenvoranschlag mit allen geplanten Arbeiten,
- ob ausgetauschte Teile Originalteile sind und ob Sie die alten Teile zurückerhalten,
- welche Gewährleistung oder Garantie die Werkstatt auf ihre Arbeit gibt,
- ob die Wasserdichtheit nach dem Schließen geprüft und dokumentiert wird.
Bewahren Sie Belege und Serviceunterlagen auf, denn beim späteren Verkauf zählen sie, wie der Beitrag zur Echtheitsprüfung gebrauchter Uhren zeigt.
Wasserdichtheit: ISO 22810 und ISO 6425
Wasserdichtheit ist kein dauerhafter Zustand, sondern eine Eigenschaft, die Dichtungen sichern, und Dichtungen altern. Jedes Öffnen des Gehäuses, auch für einen Batteriewechsel, verlangt eine neue Prüfung. Die Norm ISO 22810 legt fest, welche Anforderungen eine als wasserdicht bezeichnete Uhr erfüllen muss und wie das geprüft wird, unter anderem mit Kondensations- und Überdruckprüfungen. Die Angabe in bar oder Metern beschreibt einen Prüfdruck unter Laborbedingungen, keine freigegebene Tauchtiefe. Bewegung im Wasser und gealterte Dichtungen bildet sie nicht ab.
Für Taucheruhren gilt die strengere ISO 6425. Sie betrifft Uhren, die für Tauchgänge in mindestens 100 Metern Tiefe ausgelegt sind und eine gesicherte, im Dunkeln ablesbare Vorrichtung zur Anzeige der Tauchzeit besitzen. Bei ihrer Druckprüfung liegt der Prüfdruck 25 Prozent über dem angegebenen Wert. Für alle Uhren gilt: Verschraubte Kronen vor dem Kontakt mit Wasser zuschrauben und Krone sowie Drücker unter Wasser nur bedienen, wenn der Hersteller es ausdrücklich erlaubt.
Zwischen zwei Revisionen: Magnetismus und Aufbewahrung
Magnete sind im Alltag allgegenwärtig: in Smartphones und Tablethüllen, Taschenverschlüssen, Netzteilen, Lautsprechern und Induktionskochfeldern. Kommt eine mechanische Uhr einem starken Feld zu nahe, kann die Spiralfeder der Unruh magnetisiert werden. Die Uhr geht dann deutlich vor oder nach oder bleibt stehen. Die Norm ISO 764 prüft antimagnetische Uhren mit einem Feld von 4.800 Ampere pro Meter, das entspricht rund 60 Gauß. Zum Vergleich: Die COSC-Stufe „Excellence Chronometer“ prüft mit 200 Gauß, die METAS-Zertifizierung mit 15.000 Gauß.
Eine magnetisierte Uhr braucht in der Regel keine Revision: Der Uhrmacher entmagnetisiert sie und kontrolliert den Gang. Einige Zentimeter Abstand zu Magneten beugen vor.
Bewahren Sie Uhren trocken, staubgeschützt und einzeln auf, damit sie sich nicht gegenseitig zerkratzen. Lederbänder brauchen Luft; mehr dazu im Beitrag zur Lederqualität. Ist eine Automatikuhr stehen geblieben, ziehen Sie sie vor dem Tragen mit einigen Kronenumdrehungen auf. Bedienungsanleitungen raten häufig davon ab, das Datum etwa zwischen 21 und 1 Uhr zu verstellen, weil der Datumsmechanismus in dieser Zeit arbeitet.
Ein Uhrenbeweger hält Automatikuhren in Gang. Das ist vor allem bei Kalenderkomplikationen bequem, deren Neueinstellung aufwendig ist. Bedenken Sie aber: Jede Stunde im Beweger ist Betriebszeit für Räder, Lager und Öle. Ein Beweger ist daher eher eine Frage des Komforts als eine Pflegemaßnahme. Wer einen nutzt, stellt Drehrichtung und Umdrehungszahl nach den Angaben für das jeweilige Werk ein.
Messen Sie den Gang direkt nach der Revision eine Woche lang und notieren Sie den Mittelwert. Er ist Ihr persönlicher Referenzwert. Weicht die Uhr später deutlich davon ab oder sinkt die Gangreserve spürbar, wissen Sie, dass der nächste Termin naht.
Die Erkenntnis: Eine Revision folgt nicht nur dem Kalender, sondern dem Zustand der Uhr, und den erkennen Sie am besten, wenn Sie Ihre Werte kennen. Im Gangwert-Rechner halten Sie die Abweichung fest. Und wer die Revisionskosten auf die Tragetage verteilt, sieht im Rechner für die Kosten pro Tragen, was Pflege tatsächlich kostet.
Gangwert-RechnerMessen Sie Ihre Uhr und vergleichen Sie mit COSC und METAS. Kosten pro TragenWas ein Stück je Tragen wirklich kostet, im direkten Vergleich.Häufige Fragen
Muss eine Uhr, die genau läuft, trotzdem zur Revision?
Ein guter Gang zeigt nicht, in welchem Zustand Öle und Dichtungen sind. Die Intervalle des Herstellers sind deshalb auch bei präzise laufenden Uhren eine sinnvolle Orientierung. Die Wasserdichtheit sollte unabhängig davon regelmäßig geprüft werden.
Darf ich mit einer wasserdichten Uhr schwimmen?
Das hängt von der Freigabe des Herstellers ab, nicht allein von der Zahl auf dem Gehäuseboden. Die Angabe nach ISO 22810 beschreibt einen Prüfdruck im Labor; für Tauchgänge sind Uhren nach ISO 6425 ausgelegt. In jedem Fall müssen die Dichtungen intakt und geprüft sein.
Muss eine magnetisierte Uhr komplett revidiert werden?
In der Regel nicht. Lässt sich die Gangabweichung auf Magnetismus zurückführen, genügt meist das Entmagnetisieren mit anschließender Gangkontrolle beim Uhrmacher.
- OMEGA, Customer Service: Main steps of a complete service
- OMEGA, Customer Service: Preserve your OMEGA (Serviceintervall, jährliche Prüfung der Wasserdichtheit)
- Seiko, Customer Service FAQ: How often should I have the watch serviced?
- ISO 22810:2010, Horology: Water-resistant watches
- ISO 6425:2018, Horology: Divers’ watches
- ISO 764:2020, Horology: Magnetic resistant watches
- METAS-N001, Version 1.2 (Prüfdrücke nach ISO 22810 und ISO 6425, Magnetfeld 1,5 T)
- COSC, Excellence Chronometer Certified (Magnetfeldprüfung 200 Gauß)
- Grand Seiko, Bedienungsanleitung Kaliber 9S: Magnetic resistance (Magnetic influence)
- Seiko, Bedienungsanleitung Kaliber 6R35: How to set the time and date
