Luxury Goods · Leder verstehen

Lederwaren: Woran man Qualität erkennt

Zwei Taschen, gleiche Form, ähnlicher Glanz. Und doch altert die eine in Würde, während die andere bald Risse zeigt. Was Narben, Gerbung, Kanten und Nähte verraten.

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Nehmen Sie eine Tasche in die Hand und fahren Sie mit dem Daumen über die Oberfläche. Sehen Sie feine Poren und kleine Unregelmäßigkeiten, ein Bild, das sich nie ganz wiederholt? Oder eine makellos gleichmäßige Prägung, die überall gleich aussieht? Schon dieser erste Eindruck verrät viel über das verarbeitete Leder. Der Rest zeigt sich an Stellen, auf die selten jemand achtet: an Kanten, Nähten und im Inneren.

Narben und Schichten: vollnarbig, korrigiert, Spalt

Eine Haut lässt sich waagerecht in Schichten teilen. Die oberste trägt den Narben, die natürliche Oberfläche mit dem für jede Tierart typischen Bild aus Poren und Haarfollikeln. Die darunterliegenden Schichten heißen Spalt. Für die wichtigsten Begriffe gibt es internationale Definitionen; die Leather Working Group fasst sie in ihrer Begriffsliste auf Grundlage von ISO-, CEN- und UNECE-Definitionen zusammen.

  • Vollnarbiges Leder hat seinen gesamten Narben behalten; nichts davon wurde mechanisch abgetragen. Kleine natürliche Merkmale gehören dazu und sind kein Fehler.
  • Korrigiertes Narbenleder: Hier wurde der Narben teilweise abgeschliffen oder ähnlich bearbeitet und anschließend durch eine Zurichtung aufgewertet, oft mit einer Prägung. So lassen sich Unregelmäßigkeiten der Oberfläche ausgleichen.
  • „Top-Grain“ ist ein Handelsbegriff, vor allem im englischsprachigen Raum, der in der genannten Begriffsliste nicht vorkommt. Er wird uneinheitlich verwendet. Fragen Sie nach, ob vollnarbiges oder korrigiertes Leder gemeint ist.
  • Spaltleder stammt aus einer unteren Schicht ohne Narben. Ist der Narben vollständig entfernt, soll das Wort „Leder“ laut den Definitionen nur mit Zusatz verwendet werden, etwa als „Spaltleder“ oder „Veloursleder“. Spaltleder kann beschichtet oder geprägt werden und ähnelt dann äußerlich Narbenleder.
  • Lederfaserstoff: Werden Lederreste zerfasert und mit oder ohne Bindemittel zu Platten geformt, ist das Ergebnis nach diesen Definitionen kein Leder.

Auch die Zurichtung gibt Auskunft. Bei Anilinleder bleibt der natürliche Narben deutlich sichtbar, bei pigmentiertem Leder verdeckt eine deckende Farbschicht die Oberfläche vollständig. Ersteres zeigt Gebrauchsspuren offen, Letzteres wirkt einheitlicher, verbirgt aber auch, was darunter liegt.

Gerbung: pflanzlich oder mit Chrom

Erst die Gerbung macht aus Haut Leder. Die Gerbstoffe vernetzen die Kollagenfasern; das Material fault nicht mehr und wird formbeständiger sowie widerstandsfähiger gegen Belastung und Wärme. Nach dem Referenzdokument der EU-Kommission für Gerbereien werden 80 bis 90 Prozent aller Leder mit Chrom(III)-Salzen gegerbt.

Pflanzlich gegerbtes Leder entsteht mit Gerbstoffen etwa aus Kastanie, Eiche, Mimosa oder Quebracho. Es erreicht nicht die Flexibilität und Hitzebeständigkeit von Chromleder, bietet laut dem EU-Dokument aber Eigenschaften, die nur diese Gerbart hat, etwa die Eignung zum Punzieren und Polieren. Verwendet wird es unter anderem für Sohlen, Gürtel, Sattlerwaren und Lederwaren. Keine Gerbart ist an sich die bessere; entscheidend ist der Zweck.

Ein Wort zum Chrom: Gegerbt wird mit dreiwertigem Chrom. Das Allergien auslösende Chrom(VI) kann sich im Leder jedoch durch Oxidation aus Chrom(III) bilden. Seit dem 1. Mai 2015 dürfen Ledererzeugnisse, die mit der Haut in Berührung kommen, in der EU deshalb nicht in Verkehr gebracht werden, wenn sie 3 Milligramm Chrom(VI) oder mehr je Kilogramm Trockengewicht des Leders enthalten (Verordnung (EU) Nr. 301/2014).

80 bis 90 % aller LederChromgegerbt
gesamter Narben erhaltenVollnarbig
untere Schicht ohne NarbenSpaltleder
verboten ab 3 mg/kg (seit 1. Mai 2015)Chrom(VI) bei Hautkontakt

Kanten, Nähte, Beschläge, Futter

An der Kante zeigt sich, wie viel Zeit in einem Stück steckt. Drei Ausführungen sind verbreitet. Bei der umgeschlagenen Kante wird das Leder dünn ausgeschärft und um die Schnittkante gelegt. Die gestrichene Kante wird geschliffen und mit Kantenfarbe versiegelt. Die polierte Kante wird geschliffen und glatt gerieben. Diese Technik setzt pflanzlich gegerbtes Leder voraus. Achten Sie in jedem Fall auf gleichmäßige, glatte Kanten ohne Risse, Blasen oder abblätternde Farbe.

Bei den Nähten gilt der Sattlerstich als Merkmal handwerklicher Arbeit: Ein Faden wird mit zwei Nadeln von beiden Seiten durch dasselbe vorgestochene Loch geführt. Die Nähmaschine arbeitet meist mit dem Doppelsteppstich, bei dem sich Ober- und Unterfaden im Material verschlingen. Dem Handstich wird nachgesagt, dass ein beschädigter Stich die Naht weniger leicht öffnet. Die Haltbarkeit hängt aber ebenso von Faden, Stichdichte und Spannung ab; eine saubere Maschinennaht ist kein Makel. Gute Nähte verlaufen gerade, mit gleich langen Stichen und gesicherten Fadenenden.

Beschläge wie Schnallen, Ringe, Füße und Reißverschlüsse sollten fest sitzen, sauber entgratet sein und leichtgängig funktionieren. Gewicht allein ist kein Qualitätsbeleg; fragen Sie nach Material und Oberfläche, denn Beschichtungen können sich abnutzen. Im Inneren entscheidet sich, wie ein Stück den Alltag übersteht: Gutes Futter liegt faltenfrei, ist sauber vernäht und an Belastungsstellen verstärkt.

Sehen Sie sich zuerst die Innenseite eines Riemens oder eines Fachs an. Wo selten jemand hinschaut, zeigt sich am ehrlichsten, wie sorgfältig gearbeitet wurde.

Kennzeichnung, Pflege und Lagerung

Bei Schuhen ist die Materialangabe in der EU Pflicht. Die Richtlinie 94/11/EG verlangt eine Kennzeichnung von Obermaterial, Futter und Decksohle sowie Laufsohle, wahlweise mit Piktogrammen oder in Textform. Angegeben wird das Material, das mindestens 80 Prozent der Fläche ausmacht, bei der Laufsohle 80 Prozent des Volumens. Für Taschen und Kleinlederwaren gilt diese Richtlinie nicht. Ein allgemeines Etikett wie „Echtleder“ verrät zudem nicht, welche Schicht und Zurichtung verwendet wurden. Fragen Sie gezielt nach.

Für die Pflege gilt: lieber zu wenig als zu viel. Entfernen Sie Staub mit einem weichen, trockenen Tuch und testen Sie jedes Mittel zuerst an einer unauffälligen Stelle, wie es auch das Canadian Conservation Institute empfiehlt, eine staatliche Fachstelle für die Pflege von Kulturgut. Vorrang haben die Pflegehinweise des Herstellers, denn verschiedene Zurichtungen reagieren unterschiedlich.

Für Leder in Sammlungen nennt das Institut eine stabile relative Luftfeuchte von 45 bis 55 Prozent. Oberhalb von 65 Prozent kann Schimmel wachsen, sehr trockene Luft unter 30 Prozent entzieht dem Leder Feuchtigkeit. Wärme, etwa an Heizkörpern, beschleunigt die Alterung, direkte Sonne sollte Leder nicht treffen. Für den Alltag heißt das: Taschen mit säurefreiem Seidenpapier in Form halten, in Baumwolle einschlagen und weder im feuchten Keller noch auf dem heißen Dachboden lagern.

  • Oberfläche und Bezeichnung: natürliches Narbenbild oder gleichförmige Prägung? Vollnarbig, korrigiert, Spalt?
  • Kanten und Nähte: glatt, gerade, gleichmäßig, ohne lose Enden?
  • Beschläge und Futter: fest, entgratet, faltenfrei, an Belastungsstellen verstärkt?
  • Pflege: Gibt es Hinweise des Herstellers, und ist eine Reparatur möglich?

Qualität bei Leder ist keine Frage des Glanzes, sondern der Schicht, der Gerbung und der Sorgfalt an unsichtbaren Stellen. Ein gut gemachtes Stück lässt sich pflegen und reparieren und bleibt dadurch länger in Gebrauch. Jeder weitere Tragetag senkt seine Kosten. Was das in Zahlen bedeutet, zeigt der Rechner unten; die Methode dahinter erklärt der Beitrag Kosten pro Tragen.

Kosten pro TragenWas ein Stück je Tragen wirklich kostet, im direkten Vergleich.

Häufige Fragen

Ist vollnarbiges Leder immer besser als korrigiertes?

Nicht in jedem Fall. Vollnarbiges Leder zeigt die natürliche Oberfläche mit all ihren Merkmalen, korrigiertes Leder wirkt gleichmäßiger. Entscheidend ist, dass die Bezeichnung offen angegeben wird und Preis und Verwendungszweck dazu passen.

Woran erkenne ich pflanzlich gegerbtes Leder?

Verlässlich nur an den Angaben des Herstellers. Einen Hinweis geben polierte Kanten, denn diese Technik setzt pflanzlich gegerbtes Leder voraus.

Wie lagere ich eine Ledertasche über längere Zeit?

Mit säurefreiem Papier in Form gehalten, in Baumwolle eingeschlagen, fern von Heizkörpern und direkter Sonne und bei gleichmäßiger, nicht zu hoher Luftfeuchte. Für Sammlungen nennt das Canadian Conservation Institute 45 bis 55 Prozent relative Luftfeuchte.